Der erste Tag: Samstag, der 17. August

Abends und Nachts ruderten die Waldenser über den See und traten so nach zweieinhalb

Jahren wieder auf das Grundgebiet ihres Landesherrn. Bei der Mündung eines kleinen Bachs, der

Mercube, die zwischen Nernier und Yvoire in den Genfer See fließt, gingen sie an Land. Danach

erkundeten einige von ihnen die Umgebung und suchten Führer. So erlitten sie gleich ihren ersten

Verlust: der Pfarrer Cyrus Chion wurde gefangen genommen. So blieben ihnen noch zwei Pfarrer:

Jakob Moutoux und Henri Arnaud (der den Decknamen „Monsieur de la Tour“ annahm). Die

Waldenser nahmen ihrerseits einige Savoyarden als Geisel.

Es war nun die vordringlichste Aufgabe, die Angekommenen aufzustellen. Zwanzig Kompanien wurden gebildet. Dreizehn davon stellten die piemontesischen Waldenser, die nach ihren Heimatorten geordnet wurden. Der Kern dieser Kompanien bestand aus den „Unüberwindlichen“ aus dem Jahre 1686. Die französischen Hugenotten stellten sechs

Kompanien, wovon eine von Protestanten aus dem Pragelatal gebildet wurde. Die ungefähr 250

Hugenotten, größtenteils aus dem Dauphiné, hofften, einmal in den Waldensertälern angekommen,

ihre zwangskatholisierten Landgenossen zur Rebellion zu bewegen. Die Hugenotten brachten ihre militärischen Fähigkeiten in die Rückkehr mit ein. Trotz der vorsorglichen Warnungen Janavels entstanden jedoch immer wieder Spannungen zwischen den Waldensern und den Hugenotten, vor allem nach der Ankunft in den Waldensertälern. Die letzte Kompanie war aus Freiwilligen anderer Nationalitäten, z.B. Schweizern zusammengestellt worden. Jede Kompanie hatte einen eigenen Kapitän, so z.B. die Kompanie von Villar Pellice den unerschrockenen Paul Pellenc.

Da Bourgeois nicht rechtzeitig angekommen war, wurde ein anderer, der Hugenotte Turel, zum

allgemeinen Kommandant bestimmt. Er wurde durch den Kriegsrat, der aus den Kapitänen

bestand, unterstützt. Turel scheint die Rückkehr gut geführt zu haben, denn er wusste die Männer

immer beieinander zu halten und es gelang ihm oft, ihre Verfolger irrezuführen. Beim Erfolg der

Rückkehr spielte aber auch Henri Arnaud als „Ideologe“ eine wichtige Rolle. Zu diesem Zeitpunkt

war er noch nicht der „Kolonel“ der Waldenser. Erst nach der Ankunft in den Waldensertälern

ging die militärische Führung immer mehr in seine Hände über. Turel scheint als Fremdling in den

Tälern seine Autorität über die Waldenser verloren zu haben. So könnte man seine „Desertion“ am 5. Oktober 1689 erklären. Er ging ins Dauphiné, vielleicht um dort neue Mitstreiter zu suchen, wurde jedoch von den französischen Behörden entdeckt und nach einem Prozess hingerichtet.

Morgens um neun Uhr ging der Zug los, zuerst die Vorhut, dann das Schlachtkorps, und zuletzt die Nachhut. Es war die Absicht, so zügig wie möglich die vier Provinzen Savoyens, Chablais, Faucigny, Tarentaise und Maurienne zu durchqueren. Der „Patriarch“ der Waldenser, der alte „capitaine des Vallées“ Josué Janavel, der wegen seines hohen Alters nicht mitmachen konnte, hatte in seinen „Instruktionen“ Anweisungen dafür gegeben: Die Waldenser sollten die örtliche Bevölkerung nicht gegen sich aufbringen und folglich nicht plündern, sondern Essen und Trinken

ehrlich bezahlen. Für ihre Versorgung waren die Waldenser auf die Hilfe der Bevölkerung

angewiesen, weil sie der Schnelligkeit wegen außer Waffen nur wenig mitgenommen hatten. Die

50 Kilo, die ein jeder getragen haben soll, dürften wohl Legende sein. Nur wenn ihnen der Ruf

vorausging, dass sie alles ehrlich bezahlten, könnten sie überall einen reibungslosen Durchzug

erhalten. Die einfachen Leute sollten nur manchmal als Führer in Anspruch genommen werden.

Die Geiseln sollten aus der Geistlichkeit und dem Adel genommen werden und dann an der Spitze

mitlaufen, um freien Durchzug zu erhalten. Einige Geiseln wurden von den Waldensern bis in die

Täler mitgenommen, in der Hoffnung, sie gegen ihre Pfarrer und geraubten Kinder auszutauschen.

Die Waldenser befolgten strikt diese Anweisungen: nur im Notfall drohten sie mit Gewalt und

Plünderung.

Die Einwohner von Nernier und Yvoire hatten die Waldenser am frühen Morgen entdeckt und

Alarm geschlagen. Die Bewohner des ganzen Chablais wurden aufgeschreckt. Der Marquis de

Coudré rief die Bürger und vor allem die Bauern zu den Waffen, um die Waldenser zu verfolgen

und die Brücken und Pässe zu besetzen, um so den Waldensern den Weg abzuschneiden. Da er kaum reguläre Truppen zur Verfügung hatte, blieb dem Marquis nichts anderes übrig, als diese Milizen zu mobilisieren. Das kam den Waldensern an diesem Tag und eigentlich während der  ganzen Rückkehr eher gelegen. Die auf­gerufenen Bauern, denen es oft an Waffen fehlte, waren, eben auch weil die Waldenser ihre Dörfer verschonten, zu Kampfhandlungen wenig motiviert, zumal sie ohne Entgelt ihre Arbeit liegen lassen mussten. So boten sie den Waldensern niemals

ernsthaften Widerstand.

Schon der erste Tag brachte den Waldensern einen Gewaltmarsch. Sie durchquerten südwärts die hügelige Landschaft des Unteren Chablais. Nach dem Dorf Filly zogen sie über Massongy westlich um den Mont de Boisy herum zur Ortschaft Bons. In der Nähe von Massongy nahmen sie ihre ersten Geiseln, einige Adlige, die versuchten, ihnen mit Hilfe von Bauern­Milizen den Weg zu versperren. Nach Bons mussten die Waldenser ihren ersten Pass, den Col de Saxel, der auf 970 Metern Höhe über das waldreiche Gebirge von les Voirons führt, überqueren. Der Pass

wurde von zweihundert in aller Eile herbeigerufenen Bauern bewacht, die jedoch kaum

Widerstand boten. Während der Überquerung nahmen die Waldenser einen Pater des

Dominikanerklosters von les Voirons als Geisel.

Danach führte der Weg der Waldenser herunter in die Ortschaft Boége im Ménogetal. Der

Bach Ménoge fließt weiter westlich in die Foron, einen Seitenfluß der Arve. Das Becken der Arve

und das seines wichtigsten Nebenflusses der Giffre, bildeten die Provinz Faucigny, die die

Waldenser jetzt durchqueren mussten. Weiter stromabwärts verlässt die Arve das Grundgebiet von

Savoyen und fließt über Genfer Territorium. In den Wintermonaten von Anfang 1687 hatten die

elenden, gerade aus den piemontesischen Gefängnissen befreiten Waldenser die Arvebrücke bei

Genf auf ihrem Weg ins Exil überquert. Am ersten Tag konnten die Waldenser die Arve nicht

mehr erreichen.

Nach Boège überquerten sie die Hügelreihe des Mont de Vouan, zogen im Forontal weiter und

erreichten abends gegen acht Uhr das Dorf Viuz­en­Sallaz. Nach einer Ruhepause zogen sie in

östlicher Richtung weiter, bis sie bei Saint­Jeoire in das Rissetal kamen. In diesem Tal zogen die

Waldenser bis nach Cormand, wo sie ihr erstes Nachtlager aufschlugen. Cormand war ein kleines,

höher gelegenes Dorf, das Sicherheit gegen nächtliche Angriffe bot; während der Rückkehr

wählten die Waldenser immer ähnlich gelegene Nachtlager. Es war inzwischen Mitternacht

geworden und sie hatten am ersten Tag ca. 50 Kilometer zurückgelegt. Trotzdem gönnten sie sich

nur eine kurze Nachtruhe, denn sie mussten ihre Verfolger abschütteln. Inzwischen hatte es

angefangen zu regnen, aber sie hofften, dass es am nächsten Morgen wieder trocken sein würde.

Aber während des ganzen weiteren Marsches sollten Regen und Schnee sie begleiten.

 

Der zweite Tag: Sonntag, der 18. August

An diesem Tag mussten die Waldenser durch das Arvetal ziehen und diesen Fluss überqueren.

Das war nicht ungefährlich. Zudem war inzwischen Graf Grazio Provana, der Präsident des

Parlamentes von Savoyen, alarmiert worden. Provana nahm, weil der Generalkommandant für

Savoyen, Gaspar de Rossillon, Conte de Bernex, in Turin war, die Organisation der Verteidigung für diejenigen Provinzen, die die Waldenser durchqueren mussten, auf sich. Provana warnte auch Viktor Amadeus II. in Turin und riet ihm dringend an, für alle Fälle den Kommandanten des Susatals und der Waldensertäler zu alarmieren.

Nach Cormand folgten die Waldenser am Berghang dem Lauf der Giffre. Bei Marignier gelang

es den Waldensern, die Giffre problemlos zu überqueren; zu ihrer Überraschung war die Brücke

nicht zerstört worden.

Während ihrer Rückkehr fürchteten die Waldenser nicht nur Städte und Pässe, sondern auch

die Brücken als mögliche Gefahrenpunkte und das um so mehr, als der unaufhörlich fallende

Regen die Flüsse anschwellen ließ.

Nach der Brücke von Marignier kamen sie in eine von Bergen umgebene und an der Südseite von der Arve begrenzte Ebene. Danach verengt sich das Tal der Arve zu einer langen Schlucht (cluse), deren Eingang überdies noch von der kleinen, befestigten Stadt Cluses beherrscht wurde.

Inzwischen entdeckten die Waldenser, wenn auch noch in sicherer Entfernung, ihre Verfolger. Die Bevölkerung von Cluses war schon alarmiert worden und hatte die Stadttore geschlossen. Die

Waldenser mussten jedoch durch diese Stadt ziehen. Nach zähen Verhandlungen, wobei am Ende die Drohung die Stadt anzuzünden den Ausschlag gab, erhielten die Waldenser freien Durchzug.

Aus Sicherheit nahmen sie den Malteser Ritter De Ride de la Charbonnière als Geisel aus Cluses mit, der drei Monate lang in den Händen der Waldenser blieb. So zogen die Waldenser zwischen der im Spalier aufgestellten, bewaffneten Bevölkerung durch die Stadt in die gefährlich enge Schlucht hinein, „wo nur wenige Leute oben auf den Felsen sie hätten aufhalten können. Aber Gott hat unsere Feinde erblinden lassen, damit sein Volk die Wüste durchziehen könne, um in unserem kleinen Kanaan anzukommen und dort die Abgötter zu vertreiben und so das Königreich von Jesus

Christus zu fördern.“ Das schrieb der Theologiestudent Paul Reinaudin aus Bobbio im Pellicetal,

der an der Rückkehr teilnahm und uns einen lebendigen Augenzeugenbericht hinterließ.

Nach dem Dorf Magland konnten die Waldenser, wenn auch nur für kurze Zeit, aufatmen. Vor

ihnen lag nun das nächste befestigte Städtchen, Sallanches. Mit den Verfolgern im Rücken konnte

es gefährlich werden. Die Probleme fingen an, als die Waldenser die Brücke von St­Martin, kurz

vor den Toren von Sallanches, überqueren wollten: Die Bevölkerung von Sallanches hatte die

Arvebrücke verbarrikadiert. Viel kostbare Zeit ging jetzt mit Verhandlungen und

Einschüchterungen verloren, aber schließlich gaben die Einwohner die Brücke frei und zogen sich

in die Stadt zurück. Das war unter anderem der Tatsache zu verdanken, dass die Waldenser zwei

Kapuzinermönche als Geisel zu nehmen wussten, die wiederum die Einwohner überzeugten. „Die

Waldenser wunderten sich sehr über den gewaltigen Einfluss, die diese beiden Pater über ihre

Glaubensgenossen besaßen.“ So entkamen die Waldenser einer Einkesselung.

Doch muss die Waldenser an diesem Punkt ein tiefes Misstrauen vor dergleichen Situationen

weiter oben im Tal gepackt haben. Denn anstatt an Sallanches vorbei ihren Weg im Arvetal

weiterzuverfolgen und dann ins Montjoietal einzubiegen, um so auf schnellstem Weg den Pass

„Col du Bonhomme“, der die Grenze zwischen den Provinzen Faucigny und Tarentaise bildet, zu

erreichen, nahmen sie einen anderen, viel schwierigeren Zugangsweg zu diesem Pass. Sie

befürchteten, dass die Bevölkerung von Sallanches die sie verfolgenden Milizen verstärken würde.

Und wenn dann am nächsten Tag der Bonhomme­Pass bewacht sein sollte, gerieten sie in eine

Zwickmühle. So kann man es sich erklären, dass die Waldenser an den Stadtmauern von

Sallanches entlang den Hang bis nach Combloux, einem kleinen Dorf oberhalb des Tales,

hochstiegen. Hier waren sie vorerst gegen nächtliche Angriffe sicher, denn es war inzwischen

schon dunkel geworden. Die Verfolger machten in Sallanches Halt, da sie im Unklaren darüber

waren, was die Waldenser nun wohl vorhatten.

Trotz der Verzögerungen war es den Waldensern gelungen, an diesem zweiten Tag 32

Kilometer zurückzulegen. Sie waren jedoch wegen des ununterbrochen fallenden Regen so nass,

„als ob sie im Fluss gebadet hätten“. In Combloux konnten sie sich nun ein wenig wärmen und

trocknen lassen.

 

Der dritte Tag: Montag, der 19. August

Sicherlich führte die überraschende Wegänderung der Waldenser ab Sallanches ihre Verfolger

und die Verteidiger der Provinzen, die sie noch durchqueren mussten, irre. Aber auch die

Waldenser mussten für diesen Umweg bußen, denn sie verloren nicht nur kostbare Zeit, sondern

auch viel Kraft. An diesem dritten Tag wurden sie zudem ständig durch Regen und Schnee

Am Morgen stießen die Waldenser weiter vor nach Megève. Man hätte nun erwarten können,

dass sie ins Arlytal absteigen würden, um so auf kürzestem Wege das Isèretal zu erreichen.

Wahrscheinlich wollten die Waldenser jedoch die Täler vermeiden und stiegen daher von Megève

zum Col de Véry auf. Von diesem Pass aus wollten sie sich einen Weg zum Col du Bonhomme

suchen. Sie mussten dann das Beaufortain, das Flussgebiet der Doron de Beaufort, streifen. Sie

überquerten auf den höchstgelegenen Wiesen das Dorinettal, ein Seitental der Doron, und stiegen dann auf zum Pass „Col de la Fenètre“, die kürzeste Strecke zum Col du Bonhomme. Der Aufstieg

wurde durch den ständigen Schneefall erschwert. Reinaudin klagt auch über die Versuche der einheimischen Führer, sie in die Irre zu führen. Vielleicht sind die Waldenser aus diesem Grund weiter als notwendig ins Beaufortain heruntergestiegen. Letztendlich erreichten sie den Col de la

Fenètre (2263 m) und stiegen dann ins Montjoietal in Richtung des Col du Bonhomme herunter.

Da inzwischen die Nacht hereingebrochen war, blieb den Waldensern nichts anderes übrig, als

auf den verschneiten Almen des Pian de Jovet (2000 m) im oberen Montjoietal zu übernachten. 28

Kilometer hatten sie zurückgelegt und nur einige Almhütten boten Schutz gegen den Schnee. Dort

war „eine richtige Wüste“, schrieb Reinaudin, der die Rückkehr öfters mit dem Zug Israels durch

Sinai ins verheißene Land vergleicht.

Das schlechte Wetter, das die Waldenser ­ übrigens nicht immer zu ihrem Nachteil ­ antrafen,

war kein reiner Zufall. Im 17. und 18. Jahrhundert herrschte in den Alpengebieten die sog. „kleine

Eiszeit“: die Sommer waren kürzer und kälter und daher waren auch die Gletscher viel größer als

sie heute noch sind.

 

Der vierte Tag: Dienstag, der 20. August

Am Morgen werden die Waldenser wohl besorgt gewesen sein. Sie hatten zwar die Verfolger

abgeschüttelt, aber nun mussten sie den Col du Bonhomme überqueren. Sie wussten, dass der

Herzog dort im vergangenen Jahr Schanzen und Wachtposten hatte errichten lassen. Vielleicht war

es die Angst, die einen hugenottischen Kapitän am Morgen desertieren ließ. Alles verlief jedoch

besser, als sie es erwartet hatten. Die Vorhut stellte fest, dass die Schanzen leer waren und so

konnten die Waldenser den Pass (2329 m) ungehindert überqueren.

Auch der Graf Provana war peinlich überrascht, daß die Waldenser diesen Posten, „wo 30

Leute sie nicht nur aufhalten, sondern auch hätten zerstören können“, so leicht hatten passieren

können. Resignierend schrieb er an den Turiner Hof, daß er kein Vertrauen in die örtlichen

Autoritäten mehr besaß und um so weniger in die Milizen.

Das Misstrauen des Provana erwies sich auch weiterhin als begründet. Obwohl das Tal „Vallée

des Chapieux“, das die Waldenser jetzt herabstiegen, eng war und sie verschiedene Brücken

überqueren mussten, wurden ihnen keine Hindernisse in den Weg gelegt. Erst als sie unter le

Châtelard die letzte Brücke im Tal überqueren wollten, gab es Schwierigkeiten, weil die

Bevölkerung von Bourg­St­Maurice und Séez sie verbarrikadiert hatte. Aber nachdem die

Waldenser zugesichert hatten, dass sie ihnen keinen Schaden zufügen würden, gaben die

Bewohner die Brücke frei und so lag der Oberlauf des Isèretals den Waldensern offen. Sigismond

de Duyn Mareschal, der Graf von Val d'Isère, der für die Verteidigung des Oberen Tarentaise

verantwortlich war, zog sich aus Angst als Geisel genommen zu werden, eiligst auf sein Schloss in

Séez zurück. Die Waldenser, die an diesem Tag 20 Kilometer zurückgelegt hatten, schlugen

außerhalb von Séez ihr Nachtlager auf.

In Turin wurden erst im Lauf dieses Tages Maßnahmen gegen die Rückkehrer getroffen. Der

Conte de Bernex wurde mit dementsprechenden Anweisungen nach Savoyen gesandt und es

wurden auch schon Befehle für die Waldensertäler abgeschickt.

Auch an diesem Tag mussten die Waldenser schnell sein. Dieser Teil des Isèretals war ein

Durchgangsweg. Von Séez aus führte eine Straße hoch zu dem Kleinen St. Bernhard­Pass, der

Savoyen mit dem Aostatal, einem anderen Teil des Herrschaftsgebiet des Herzogs, verband. Die

Waldenser folgten jedoch dem Isèretal in Richtung des Iseran­Passes. Sie verstärkten die Nachhut

gegen mögliche Verfolger. Aber auch die Vorhut musste aufpassen, denn nach Ste­Foy­Tarentaise

wurde das Tal immer enger und überdies fürchteten die Waldenser, dass die Brücken zerstört

wären. Das war jedoch nicht der Fall und die bewaffneten Bauern leisteten kaum Widerstand. Bei

Tignes, das heutzutage in einem Stausee versunken liegt, konnten die Waldenser ein wenig

aufatmen, weil das Tal hier ein breites Becken bildet. Nach Tignes verengte sich das Isèretal

jedoch zu einer steilen Schlucht, die den Zugang zu einem anderen, höher gelegenen Becken, das

Laval genannt wurde (ein verkürzter Namen für La Val sur Tignes, das heutige Val d‘Isère)

bildete. Dort beschlossen die Waldenser diesen Tag. Sie hatten 28 Kilometer zurückgelegt und

konnten hier ein wenig von ihren Anstrengungen ausruhen. Zum ersten Mal nach Prangins konnte

Henri Arnaud in einem Bett schlafen.

An diesem Tag mussten die Waldenser den Iseran­Pass, der die Tarentaise mit der Maurienne

verbindet, ersteigen. Bevor sie den Pass erreichten, stellten sie sich in Schlachtordnung auf, weil

sie befürchteten, dass der Pass von den herzoglichen Truppen bewacht würde. Einige Schäfer

erzählten ihnen aber, dass diese sie erst bei Lanslevillard am Fuß des Mont­Cenis­Passes

abwarteten. So konnten die Waldenser den Iseran­Pass, mit seinen 2764 Metern der höchste Punkt

der ganzen Rückkehr, problemlos überqueren und in die Maurienne, die letzte Provinz Savoyens,

die sie durchschreiten mussten, heruntersteigen. Die Maurienne umfasst das Flussgebiet des

Oberlaufes der Arc. Die Waldenser erreichten das Arctal bei Bonneval­sur­Arc. Während sie hier

von den Einwohnern freundlich aufgenommen wurden, war das im 7 Kilometer weiter

stromabwärts gelegenen Bessans nicht der Fall. Paul Reinaudin bezeichnete die Bevölkerung von

Bessans als „die bösartigste unter der Sonne“. Die Waldenser rächten deren feindliche Haltung mit

Plünderungen und nahmen den Priester von Bessans als Geisel mit. Er sollte erst im November,

„von Ungeziefer überdeckt“, nach Bessans zurückkehren.

Noch ein wenig weiter stromabwärts, auf der strategisch günstig gelegenen Talschwelle „Col

de la Madeleine“, schlugen die Waldenser ihr Nachtlager in dem von den Bewohnern im Stich

gelassen Dorf auf. Sie hatten an diesem Tag 23 Kilometer zurückgelegt.

 

Der siebte Tag: Freitag, der 23. August

Morgens folgten die Waldenser weiter dem Ufer der Are bis Lanslevillard. Aber auch hier,

unterhalb des Mont Cenis, gab es, entgegen der Berichte der Schäfer, keine Soldaten. In diesem

Fall war wieder die Geschwindigkeit der Waldenser ausschlaggebend, denn der Graf Provana und

der Conte de Bernex hatten wohl reguläre Truppen in den Maurienne geschickt, aber diese waren

noch lange nicht in Sicht. Die Milizen erwiesen sich in der Maurienne ebenso unzuverlässig (oder

vernünftig!) wie zuvor in den anderen Provinzen. So misslang auch der letzte Versuch, die

Waldenser noch im Herzogtum Savoyen aufzuhalten.

In Lanslevillard nahmen die Waldenser einen Priester als Geisel, ließen ihn jedoch bald wieder

frei, da er wegen seiner großen Leibesfülle den Aufstieg über den Weg „Chemin de la Ramasse“

zum Mont­Cenis­Pass (2081 m) nicht durchhalten konnte. Dieser Weg war eine wichtige

Verbindung zwischen Lyon und der Lombardei gewesen; er hatte jedoch im 17. Jahrhundert seine

vorrangige Bedeutung an den Simplon­Pass abgeben müssen. Immerhin war er noch die wichtigste

Verbindungslinie innerhalb des savoyischen Staates, da er das Herzogtum Savoyen mit dem

Fürstentum Piemont verband.

Auf dem Pass angekommen, wurde eine Abteilung der Waldenser zur Posthalterei geschickt,

um die Pferde zu beschlagnahmen; so verhinderten sie, dass der Bericht ihrer Ankunft all zu

schnell bei den piemontesischen Offizieren in Susa bekannt wurde. Bei der Rückkehr zur Kolonne

traf diese Abteilung auf einen Zug schwer beladener Maultiere. Die Abteilung entschloss sich,

diese Maultiere mitzunehmen, sie wurde jedoch von den laut protestierenden Führern des Zugs

verfolgt. Nachdem festgestellt worden war, dass das Gepäck dem Kardinal Angelo Ranuzzi (1626­

89), dem päpstlichen Nuntius in Frankreich, der selber wegen der Papstwahl in Rom weilte,

gehörte, befahl Turel die Maultiere und das Gepäck den Führern zurückzugeben, da er keine Zeit

mit Plünderungen und der Verteilung von Beute verlieren wollte. Anlässlich dieses Vorfalls kam

das (unbegründete) Gerücht auf, dass die Waldenser wichtige Korrespondenz von Ranuzzi

erbeuteten, die später in die Hände der Piemontesen geraten und von ihnen an den franzosischen

Hof weitergegeben worden sei. Der vorzeitige Tod Ranuzzis, der in der Tat noch im Jahre 1689

starb, sei Folge des Verlustes seiner Korrespondenz gewesen.

Ab dem Mont­Cenis­Pass folgten die Waldenser einem ungewöhnlichen Weg. Normalerweise

überquerten die Reisenden die Hochebene des Mont Cenis (jetzt in einem riesigen Stausee

versunken), stiegen dann herunter nach Novalesa und erreichten von dort aus bei Susa das Susatal.

Der Pass war im 17. Jahrhundert noch nicht mit Befestigungsanlagen versehen. Susa war dagegen

eine der wichtigsten Festungsstädte Savoyens, die den Unterlauf des Susatals und so ganz Piemont

gegen die Franzosen im Oberlauf dieses Tales schützen musste.

An Susa vorbei zu ziehen war für die Waldenser sicherlich zu gefährlich und das mit Recht:

der Gouverneur von Susa, Graf Francesco Losa, war schon gewarnt worden und hatte

beschlossen, seine Truppen bei Novalesa zu lagern, um dort den Waldensern aufzulauern. Sie

bogen jedoch direkt nach dem Mont­Cenis­Pass nach Westen in Richtung des Kleinen Mont-
Cenis­Passes ab. Auf diesem Pass boten die dort gelagerten einzelnen Milizen kaum Widerstand,

so dass die Waldenser ohne Probleme den Weg in Richtung des Passes „Col Clapier“ einschlagen

konnten. Inzwischen hatte es wieder angefangen zu schneien.

Auf diesem Pass (2477 m) angekommen, stiegen die Waldenser ins Clareatal herunter um so

das Susatal zu erreichen. Dieser Abstieg war nun nicht mehr üblich und die Waldenser konnten

verstehen, warum. Es war „kein Weg, sondern ein Abgrund“. Schließlich kamen die Waldenser in

dem Weiler San Giacomo an, wo das Tal ein wenig freundlicher aussieht. Hier schlugen sie ihr

Nachtlager auf; sie hatten 25 ermüdende Kilometer hinter sich gebracht.

 

Der achte, „sehr denkwürdige“ Tag: Samstag, der 24. August

In San Giacomo befanden sich die Waldenser in einer heiklen Lage. Sie mussten, um das

Clareatal weiter herunterzusteigen, durch eine Schlucht, die „Combe de Jaillon (Giaglione)“,

ziehen. Hier würden sie ihren Feinden oben auf den Felswänden wehrlos ausgeliefert sein. Zudem

bildete die Combe de Jaillon die Grenze zwischen Frankreich und dem savoyischen Staat und

daher war diese Schlucht besonders gefährlich. Das erklärt, warum die Waldenser zuerst nur die

Vorhut losschickten. Sie sollte erkunden, ob es möglich wäre, weiter ins Clareatal abzusteigen,

ohne von den savoyischen und französischen Truppen bemerkt zu werden. Unten im Susatal

angekommen, wollten die Waldenser so schnell wie möglich die Brücke über die Dora Riparia bei

der französischen Grenzstadt Chaumont (Chiomonte) überqueren und dann wieder in Richtung des

Assietta­Passes, der das Susatal mit dem Pragelatal verbindet, aufsteigen. Diese ganze Strecke

würden die Waldenser auf französischem Grundgebiet zurücklegen müssen.

Ihr Plan wurde jedoch von den Piemontesen durchkreuzt. Am Tag zuvor war es den

Waldensern gelungen, den Zusammenstoß mit den Truppen von Francesco Losa zu vermeiden,

weil sie den Umweg über Col Clapier gewählt hatten. Losa hatte jedoch seine Truppen abends und

nachts von Novalesa zurückgeholt und ließ sie jetzt die Berghänge oberhalb von Susa bewachen.

Zudem hatte er mit Daiguines, dem Kommandanten der französischen Festung Exilles, ein

Abkommen geschlossen, dass dieser die Berghänge oberhalb von Exilles bewache; überdies

wurde ausgemacht, dass gegenseitige Grenzüberschreitungen erlaubt waren, um die „Luzernois“

anzugreifen oder zu verfolgen.

So wurde die Waldenservorhut sofort von den piemontesischen Truppen, die auf den Felsen

oberhalb der Combe de Jaillon gelagert waren, entdeckt. Vergebens versuchten die Waldenser mit

Hilfe ihrer Geiseln freien Durchmarsch zu erhalten. Die Piemontesen nahmen die Unterhändler

der Waldenser, darunter den Kapitän Paul Pellenc, fest und fingen an, Felsblöcke auf die Vorhut

rollen zu lassen. So wurde sie gezwungen sich zurückzuziehen. Dabei wurden insgesamt vierzig

Waldenser von den Piemontesen gefangen genommen.

Als die übergebliebenen Männer der Vorhut zurückgekehrt waren, befanden sich die

Waldenser in der Zwickmühle: Der weitere Abstieg im Clareatal war ausgeschlossen und der

Aufstieg zurück zum Col Clapier war zu gefährlich, weil sie dann ihren Verfolgern aus dex

Maurienne entgegenlaufen würden. Daher blieb ihnen nur noch die Möglichkeit, nach Westen

auszuweichen und das kurze und steile Tiraculotal hochzuklettern. Dabei wurden die Waldenser

schon bald auf französischen Boden kommen, da die Grenze zwischen Savoyen und Frankreich,

die bis kurz unterhalb von San Giacomo dem Clareatal folgte, einen Bogen in nordwestlicher

Richtung bis Punta Ferrand schlug.

Der Aufstieg erwies sich als sehr schwierig. Wegen des Abkommens mit den Franzosen

verfolgten die Piemontesen die Waldenser auch weiterhin. Die Waldenser verloren hier wichtige

Männer wie z.B. die beiden Ärtze. Die meisten von ihnen wurden zu ihrem Glück von den

Piemontesen gefangen genommen und schon im Jahre 1690 wieder freigelassen. Die von den

Franzosen gemachten Gefangenen dagegen wurden meistens für ihr Leben lang auf die Galeeren

Von den Berghütten „Grange Thullie“ im oberen Tiraculotal aus führte ein Pfad zum Quattro-
Denti­Pass (2106 m), von wo aus es den Waldensern möglich sein würde, das Susatal doch noch

bei Chiomonte zu überqueren und so den Assietta­Pass zu erreichen. Sie entdeckten jedoch auf

dem Pass oberhalb von ihnen eine Kompanie französischer Soldaten aus Exilles, die von

Daiguines, sofort nachdem Losa ihn von der Position der Waldenser benachrichtigt hatte, zu den

Quattro Denti geschickt worden war. Der französische Offizier gab nach Verhandlungen den Pass

für die zahlenmäßig übermächtigen Waldenser unter der Bedingung frei, dass sie nicht sofort ins

Tal abstiegen, sondern am Berghang entlang nach Westen weiterzogen. So sahen sich die

Waldenser gezwungen, oberhalb an Exilles vorbei in Richtung von Salbertrand zu ziehen. Dort

würde es wieder eine Möglichkeit geben, die Dora Riparia zu überqueren und das Pragelatal zu

erreichen. Mit den französischen und piemontesischen Truppen ständig im Rücken verfolgten die

Waldenser jetzt ihren Weg am Abhang des Berges „Cima del Vallone“, überquerten, wohl in der

Nähe von Grange della Valle, den Bergbach Galambra und stiegen dann nach Eclause ab. Die

Abenddämmerung brach schon herein, als sie einem Bauern begegneten, der ihnen spöttisch

vorhersagte, dass sie in Salbertrand ein schönes Abendessen erwartete.

In der Tat, auf dem Weg nach Moncellier, einem Flecken oberhalb von Salbertrand, sahen sie

unten im Tal die Lagerfeuer der französischen Truppen brennen. Die Franzosen lagerten auf den

Wiesen von Chenevières am gegenüberliegenden Ufer der Dora Riparia. Sie wurden von Louis de

Lenet, Marquis de Larray, der seit 1688 Befehlshaber im Dauphiné war, geleitet. Er war erst kurz

zuvor von den Kommandanten von Susa und Exilles alarmiert worden und verfügte nur über

wenige Berufssoldaten; die Mehrheit seiner Männer waren zu den Waffen gerufene Bauern. De

Larray verfolgte eine klare Strategie: Seine Truppen hielten die Brücke über die Dora Riparia

besetzt, die als Einzige an dieser Stelle Zugang zu den Pässen für das Pragelatal bot. Die

Waldenser sahen nun ihre Rückkehr gefährdet, denn es drohte ihnen, von vorne und hinten

eingeschlossen zu werden. Der größte Teil der Waldenser bereitete sich jetzt zum Angriff auf die

Brücke vor; der Rest deckte sie im Rücken gegen die immer näher kommenden Verfolger. Kurz

nach zehn Uhr griffen die Waldenser in der mondhellen Nacht die Franzosen an.

Die erschöpften Waldenser trugen ­ trotz der zahlenmäßigen Übermacht und der günstigeren

Position der Franzosen ­ einen überraschenden Sieg davon. Das lag wohl erstens daran, dass De

Larrays Truppen in Mehrheit aus Milizen bestanden. Der Augenzeuge Daniel Robert, der einen

spröden Bericht der Rückkehr verfasst hat, führte einen zweiten, wichtigen Grund für den Sieg an:

„Es galt zu überwinden oder zu sterben. Leute, die eine fremde und gerechte Sache unterstützen

und in denen Glaube und Interesse zusammenkommen, müssen mit unendlich mehr Erfolg handeln

als diejenigen, die nur aus Zwang oder aus Pflicht mit Widerwillen handeln.“ Jedenfalls war der

Sieg an der Brücke von Salbertrand von grundliegender Bedeutung, denn es hätte für die

Waldenser keinen Weg mehr zurück gegeben und sie wären sonst zersprengt oder gefangen

genommen worden.

Die Waldenser gingen jedoch nicht ohne Verluste aus. Während der Schlacht selbst verloren

sie nur zwanzig Männer, aber danach, während des nächtlichen Aufstiegs zum Costa­Piana­Pass,

irrten manche von der Hauptgruppe ab und fielen am nächsten Morgen doch noch in die Hände der

Franzosen. Insgesamt verloren die Waldenser an diesem „sehr denkwürdigen“ Tag ungefähr 150

Männer. Zudem konnten in der Verwirrung viele Geiseln entwischen.

Nach der Schlacht zerstörten die Waldenser die Brücke, um ihre Verfolger aufzuhalten. Total

erschöpft kletterten sie danach auf dem steilen Pfad hoch auf den Berg Genevris in Richtung des

Passes (2313 m). auf halben Wege machten sie, wahrscheinlich im Bergdorf Monfol, Halt, nicht

nur um ein wenig auszuruhen, sondern auch um sich wieder zu sammeln. Die 17 Kilometer dieses

schweren Tages müssen wohl doppelt gezählt werden.

 

Der neunte Tag: Sonntag, der 25. August

Nach einer kurzen Nachtruhe brachen die Waldenser noch vor Sonnenaufgang wieder auf. Sie

hatten allen Grund anzunehmen, dass die Franzosen sich nicht in ihre Niederlage schicken würden

und sie hatten noch eine weite Strecke auf französischem Gebiet zurückzulegen. Die Sonne ging

gerade auf, als sie oben auf dem Costa Piana­Pass ankamen. Hier sprachen die Waldenser ein

Dankgebet, nicht nur für die am vorangegangenen Abend gewonnene Schlacht, sondern auch für

die Aussicht, die jetzt vor ihnen lag: im Lichte der aufgehenden Sonne sahen sie die vertrauten

Bergspitzen ihrer Täler vor sich.

Die Waldenser stiegen dann ins Pomeroltal ab und erreichten über die Weiler Rif und Allevé

das Dörflein Traverses, unten im Pragelatal. Dieses Tal war vor 1685 das einzige, völlig

protestantische Gebiet in Frankreich gewesen und hatte daher immer enge Beziehungen zu den

piemontesischen Waldensern unterhalten. Die Maßnahmen Ludwig XIV. hatten ab Mai 1685

zahlreiche Pragelaner ins Exil getrieben; die anderen wurden der katholischen Kirche unterworfen.

Aus Angst vor französischen Vergeltungsmaßnahmen stellte sich die Bevölkerung jetzt den

Rückkehrern gegenüber zurückhaltend auf. Doch einige junge Männer scheuten sich nicht, sich

ihnen anzuschließen. Der berühmt berüchtigte katholische Vogt des Tales, Bertrand, schickte

Milizen, aber es kam nicht zu einem Zusammenstoß. Inzwischen zogen die französischen

Verfolger über den Sestrière­Pass ins Pragelatal.

Die Waldenser folgten nach Traverses der Chisone stromaufwärts bis ins Tronceatal, dem

obersten Teil des Pragelatals. Dort schlugen sie ihr Nachtlager in dem strategisch günstig

gelegenem Dorf Joussaud auf, von dem aus ein Pfad zu dem Pass „Colle del Pis“ (2606 m)

hochführte. An diesem Tag hatten sie 10 Kilometer zurückgelegt.

 

Der zehnte Tag: Montag, der 26. August

Da es an diesem Morgen unaufhörlich goss, brachen die Waldenser erst spät auf. Heute

mussten sie wieder einen gefährlichen Punkt überqueren, nämlich den Colle del Pis, der vom

Troncea­ ins Massellotal, ein Seitental des Germanascatals, führt und daher die letzte Schwelle

war, die die Waldenser übertreten mussten, um ihre Täler zu erreichen. Zudem bildete dieser Pass

die Grenze zwischen Frankreich und Savoyen und so mussten sie damit rechnen, dass er gut

bewacht sein würde. Die Waldenser stellten sich daher in Schlachtordnung auf, aber die Eroberung

des Passes ging viel reibungsloser vor sich, als sie erwartet hatten. Die fünfzig piemontesischen

Soldaten, die den Pass verteidigen sollten, leisteten kaum Widerstand und flüchteten. Dabei kam

auch der dichte Nebel den Waldensern zu Hilfe.

Die Franzosen waren sehr verärgert darüber, dass die Waldenser diesen Pass so leicht hatten

erobern können. Dadurch fühlten sie sich in ihrem Misstrauen gegen den General, Carlo Emilie

San Martino, Marquis de Parella, bestätigt, der von Viktor Amadeus II. nach Empfang der

alarmierenden Berichte über die Erfolge der Rückkehrer in die Waldensertäler geschickt worden

war. Barella, der im Jahre 1686 den Angriff der piemontesischen Truppen gegen die Waldenser

geleitet hatte, wurde von den Franzosen schon immer verdächtigt, den Herzog im

antifranzösischen Sinn zu beeinflussen. In diesem Fall aber war das französische Misstrauen

unberechtigt. Barella, der nur einen Tag zuvor im Germanascatal angekommen war, hatte auf

Grund der Lageberichte auf den mehr östlich oberhalb von Perrero und Pomaretto gelegenen

Pässen Stellung bezogen.

Der Verantwortliche für die mangelhafte Verteidigung des Colle del Pis war vielmehr der

Marchese de Marolles. Nur ein Teil seiner Männer hatte sich auf den Pass gewagt. Der größere

Teil war, um sich vor dem Schnee und Regen zu schützen, auf der Alpe del Pis, der Mulde am

Ende des Massellotals, geblieben und ließ sich von den vom Pass herabflüchtenden Soldaten

mitziehen. Der Marchese de Marolles, der selbst erst am Morgen dieses Tages ins Massellotal

gezogen war, bemerkte schon bald, was vor sich gegangen war, da er unterwegs ständig auf

flüchtende Milizen und Soldaten traf. Er fing sie ein, baute jedoch nicht an Ort und Stelle eine

neue Verteidigungslinie auf, sondern zog sich aus dem Massellotal bis Prali und von dort über den

Pass "Colle Giulian" ins Pellicetal zurück. Die katholischen Neusiedler von Prali, die vor Angst

außer sich geraten waren, weil sie das Schlimmste von den einheimischen Rückkehrern

befürchteten, folgten dem Marchese de Marolles ins Pellicetal.

So konnten die Waldenser ruhig ins Massellotal, das erste ihrer Täler, wo Henri Arnaud selbst

von 1670 bis 1674 Pfarrer gewesen war, absteigen. „Das kleine Israel“ hatte „die Wüste“

erfolgreich durchzogen und „ihr kleines Kanaan“ erreicht. Dabei hatten sie aber 350 Leute

verloren und so waren sie noch 600 Mann.

Nun galt es nicht mehr feindliches Gebiet möglichst schnell zu durchqueren, sondern ihre

Heimattäler zurückzuerobern. Deshalb folgten sie nun einer anderen, härteren Linie: in ihren

Heimattälern angekommen, wollten sie diese „säubern“. Sie zogen das Massellotal herunter und

kämmten die Almhütten auf Soldaten, Milizen und Kolonisten aus. Die piemontesischen Soldaten

und Milizen, die sie an diesem und während der nächsten Tage gefangen nahmen, bekamen noch

die Gelegenheit für ein letztes Gebet und wurden dann getötet. Die Entscheidung über eine

Hinrichtung durfte jedoch nur der Kriegsrat treffen; Turel wollte um jeden Preis die Ordnung

bewahren. Dieses harte Vorgehen gründete sich auf strategischen Überlegungen: es würde zu

riskant sein, Gefangene wieder auf freien Fuß zu setzen, während es zu beschwerlich war, sie

mitzuführen und zu ernähren. Außerdem wollten sie so die anderen Milizen und Soldaten

anstacheln zu desertieren. Sie gingen auch hart gegen die Kolonisten vor. Das waren meistens

katholische Bergbauern und Schäfer aus der Tarentaise und der Maurienne, die von Viktor

Amadeus II. hierhin geschickt worden waren, um die entvölkerten Waldensertäler wieder zu

besiedeln. Wahrscheinlich haben die Waldenser, wenn es sich um katholisierte Glaubensgenossen

handelte, normalerweise den Rat von Janavel befolgt und ihnen kein Leid angetan. Viele

katholisierte Waldenser waren übrigens aus Besorgnis der Behörden, dass sie die Rückkehrer

unterstützen könnten, interniert worden.

Beim Abstieg ins Massellotal trafen die Waldenser auf eine große Schafherde und so konnten

sie, als sie abends bei den Berghütten von Ortiaré ankamen, wo sie geschützt gegen den Regen

waren, einige Schafe schlachten und braten. Sie hatten an diesem Tag 10 Kilometer zurückgelegt.

Die Rückkehr selbst war gelungen; jetzt ging es um die Rückeroberung der Täler.

 

Der elfte Tag: Dienstag, der 27. August

An diesem Tag legten die Waldenser nur 3 Kilometer im Massellotal zurück. Am Morgen

erreichten sie das Dorf Balsiglia, das am Fuss des Berges „Castello“ (Burg), ein Vorgebirge der

„Quattro Denti“, liegt. Josué Janavel hatte den Rückkehrern den Castello und die Quattro Denti als

Zufluchtsort empfohlen, weil sie zusammen eine eindrucksvolle natürliche Festung bilden. Jetzt

zogen die Waldenser daran vorbei, aber im Winter und im Frühling 1689­90 sollte es ihnen dann

wirklich als letzter Zufluchtsort dienen.

Bei Balsiglia fiel den Waldensern eine Gruppe von 30 Milizen in die Hände ­ ein Beweis für

die mangelhaften Verbindungslinien bei ihren Gegnern. Der Kriegsrat beschloss auf Grund der

oben schon angeführten Motive, diese Milizen, alles Bauern aus der Poebene, zum Tode zu

verurteilen, Sie wurden auf der Brücke enthauptet und ihre Leichen ins Wasser geworfen. Daniel

Robert, der seinen Augenzeugenbericht erst viele Jahre nach der Rückkehr schrieb, führte als

weiteres Motiv dafür an, dass die gefangen genommenen Waldenser durch die Franzosen gehängt

oder auf die Galeeren geschickt wurden und dass sie von den Piemontesen nichts anderes zu

erwarten hatten ­ zu Unrecht, wie wir schon sahen.

Die Waldenser zogen danach das Massellotal weiter herunter bis Campo la Salza. Hier

schlugen sie ihr Nachtquartier auf.

 

Der zwölfte, „trostreiche“ Tag: Mittwoch, der 28. August

An diesem Tag zogen die Waldenser von Campo la Salza aus nicht weiter herunter ins

Massellotal, wohl um die Garnison von Perrero am Eingang des Massellotals zu vermeiden,

sondern sie stiegen ins Salzatal auf und dann hoch bis zum Pass „Colletto delle Fontane“. Hier

teilten sie sich in zwei Gruppen auf, um auf zwei verschiedenen Wegen Prali zu erreichen.

Die erste Gruppe schlug den längeren Weg ein. über den Colle di Serrevecchio stiegen sie ins

Rodorettotal herunter, wo sie einige Kolonisten aus der Maurienne töteten. Dann stiegen sie hoch

zum Galmount, von dem aus man über die Ebene von Prali blickt. Hier erinnerten sich die

Waldenser an das Schicksal von Pierre Leydet, der Pfarrer von Prali, der sich im April 1686 vor

den mordenden und plündernden Truppen zwischen den Felsen versteckt hatte, jedoch entdeckt

worden war, als er laut einen Psalm anstimmte. Er wurde bewaffnet angetroffen und das kostete

ihm im Gegensatz zu den neun anderen gefangenen Pfarrern ­ das Leben; im Juli 1686 wurde er in

Luserna gehängt. Die erste Gruppe stieg jetzt in das Becken von Prali herunter und vereinigte sich

bei Villa di Prali mit der anderen Gruppe, die über Fontane direkt ins Germanascatal

heruntergestiegen war. In Villa wurde die neu erbaute katholische Kirche abgebrannt.

Darauf erreichten die Waldenser Ghigo di Prali. Zu ihrer großen Überraschung war die alte

Waldenserkirche, wo Pierre Leydet noch gepredigt hatte, nicht zerstört, sondern in eine

katholische Kirche umgewandelt und mit Heiligenfiguren gefüllt worden. Der Hugenotte Francois

Huc, der meist soldatische der Augenzeugen, schrieb lakonisch: „Wir schleuderten die Figuren

lieber aus dem Fenster, als sie durch die Tür herauszubefordern, weil das bequemer war.“ Auf der

Schwelle der Kirche hielt Henri Arnaud eine Predigt, weil sie für alle Rückkehrer zu klein war.

Die Waldenser übernachteten in Ghigo.

Die Waldenser hatten nicht vor, im Germanascatal zu bleiben, sondern wollten ins Pellicetal

vordringen und daher machten sie sich morgens zum Colle Giulian (2451 m), der die Verbindung

zwischen diesen beiden Tälern bildet, auf. Während des Aufstiegs konnten die Waldenser einen

Sergeant gefangen nehmen, der durch die Besetzer des Passes zum Marchese di Parella geschickt

worden war, um Befehle einzuholen. So erfuhren die Waldenser, dass ungefähr 100 Mann den

Pass verteidigten. In Schlachtordnung aufgestellt und wieder durch den Nebel geschützt, griffen

die Waldenser an. Die Piemontesen leisteten wohl mehr Widerstand als auf dem Colle del Pis,

wurden jedoch auch hier von den Waldensern vertrieben und suchten Zuflucht in den

verschiedenen militärischen Stellungen des Pellicetals. Ein Teil der Soldaten erreichte den Weiler

Serre Cruel, wo der Marchese de Marolles mit seinen Männern lag. Ein anderer Teil flüchtete sich

in den Konvent von Villar Pellice, ein ummauertes Kloster. Der letzte Teil suchte Schutz im Fort

Mirabouc bei Villanova, das erbaut worden war, um Piemont gegen Frankreich zu schützen.

Die Waldenser verfolgten die flüchtenden Soldaten kaum, erbeuteten aber die hinterlassenen

Waffen, Kleidung und Lebensmittel. Dann zogen sie langsam im Giuliantal herab in Richtung von

Bobbio und machten, da die Nacht hereinbrach, schon am Fuß des Berges Guglia Halt. Hier waren

sie gegen nächtliche Angriffe geschützt. Der Guglia sollte ihnen in den kommenden Monaten

noch als Versteck für ihren Wintervorrat dienen.

Endlich ein Tag mit schönem Wetter! Die Waldenser zogen kampfbereit weiter in Richtung

von Bobbio und stießen bei Serre Cruel auf ungefähr 600 piemontesische Soldaten und Milizen

unter der Leitung des Marchese de Marolles. Aber auch hier zogen die Piemontesen sich kampflos

nach Bobbio und Villar Bellice zurück. Die Waldenser nahmen jetzt die strategischen Ortschaften

Serre Cruel und Sarsenà in Besitz, die ihnen ­ wie Janavel geraten hatte ­ in den nächsten Wochen

als Ausgangsbasis für ihre Aktionen dienen sollten. Diese Stellungen hatten schon im Jahre 1686

als Basis für den Guerrillatätigkeiten der „Unüberwindlichen“ gegen die piemontesischen Truppen

gedient und viele dieser Unüberwindlichen gehörten jetzt zu den Rückkehrern.

Am Morgen stiegen die Waldenser von Serre Cruel aus die Bergabhänge bis Bobbio Pellice

herunter. Die Verteidiger des Dorfes mussten sich schrittweise zurückziehen und schließlich auch

Bobbio preisgeben. Sie flüchteten, wie schon vorher die Bevölkerung, nach Villar Pellice.

Jetzt entlud sich jedoch bei den Waldensern all die Angst, die Erbitterung und der Zorn, die

sich in ihnen während des Exils und der Rückkehr angestaut hatten. Reinaudin schrieb: „Zu

unserer Schande müssen wir bekennen, dass wir, anstatt den Feind zu bedrängen, uns an der

Plünderung des Dorfes schadlos hielten, wo wir die Keller noch voll mit Käse fanden.“ Nun war

ihre Einheit bedroht, denn jede Kompanie wollte jetzt am liebsten in ihrem eigenen Tal kämpfen.

Es drohte Unordnung auszubrechen, die das Unternehmen hätte scheitern lassen können, wie es

dann zehn Tage später mit dem Rückkehrversuch der Nachzügler unter der Leitung von Bourgeois

geschehen sollte, der schon von Anfang an den Griff auf seine plündernden Männer verlor. Nach

der Einnahme von Bobbio zogen sich die Waldenser vorerst auf die sicheren Stellungen oberhalb

von Bobbio zurück.

Angesichts der aufkommenden Probleme des vorigen Tages war es notwendig, den

Rückkehrern eine Orientierung zu geben. Dazu wird sicherlich die Predigt, die Jacob Moutoux am

Morgen auf einer Wiese beim Weiler Sibaud oberhalb von Bobbio hielt, beigetragen haben. Nach

dem Gottesdienst legten alle Anwesenden den sog. „Schwur von Sibaud“ ab. Mit den Händen zum

Himmel erhoben verpflichteten sich die Offiziere und die Männer auf die von Henri Arnaud

verlesenen Bestimmungen, die ganz im Geist von Janavels „Instruktionen“ standen. Damit sollten

künftig Ausschreitungen, wie sie am Tag vorher geschehen waren, verhindert werden. Nichts war

nun wichtiger als die Einheit und Ordnung unter den Rückkehrern zu wahren, denn jetzt ging das

Unternehmen in seine entscheidende Phase ein.

Die Männer versprachen, Beute und Gefangene ihren Offizieren zu übertragen. Nur dafür

angewiesene Personen durften die Körper der getöteten und gefangenen Feinde visitieren. Die

Offiziere versprachen, die Beute zusammenzutragen und gemeinsam über deren Bestimmung zu

entscheiden. Alle gaben ­ so endete der Schwur von Sibaud ­ „unserem Herrn und Heiland Jesus

Christus das Versprechen, den Rest unserer Brüder dem grausamen Babylon zu entreißen, um so

zusammen mit ihnen das Reich von Christus wieder zu errichten und walten zu lassen bis in den

Tod.“ Dafür hatten sie die abenteuerliche Rückkehr mitten durch feindliches Gebiet unternommen.

Und dafür würden sie in Zukunft einen unerbittlichen Guerillakrieg führen müssen, nicht nur

gegen die savoyischen Truppen, sondern auch gegen die des eigentlichen „grausamen Babylon“,

Frankreich.