DIE VORBEREITUNG DER RÜCKKEHR

Aber auch von der Schweiz aus war die Rückkehr ein Wagnis. Es mussten ungefähr 250 Kilometer

 

Im Jahre 1688 jedoch veränderte sich entscheidend die internationale politische Lage. Der Feldzug von Truppen Ludwigs XIV. im Herbst 1688 in die Pfalz gab den letzten Anstoß zu der Liga von Augsburg, einer großen antifranzösischen Koalition, wobei sich selbst katholische Mächte wie Österreich (und später auch Spanien) mit der protestantischen Großmacht der Niederlanden zusammenschlossen. Ende 1688 schloss sich auch die andere protestantische Großmacht, England, dieser Koalition an. England traf diese Entscheidung auf Grund der so genannten „Glorreichen Revolution“. Im November 1688 überquerte der niederländische Statthalter Wilhelm III. von Oranien auf das Drängen führender englischer Kreise hin die Nordsee und vertrieb seinen Schwiegervater Jakob II. vom Thron. Im Februar 1689 krönte das englische Parlament Mary, die Tochter Jakobs II., und ihren Mann, Wilhelm III. von Oranien, zur Königin und zum König von England. Wilhelm III., der anerkannte Führer der anti-französischen Koalition, konnte nun auch die englische Flotte und Armee gegen Frankreich mobilisieren. größtenteils durch die Berge überwunden werden, wobei die Brücken und Bergpässe die größten Gefahrenpunkte darstellten. Die Rückkehrversuche von 1687 und 1688 schlugen schon vor der Überquerung der Grenze mit Savoyen wegen mangelnder Vorbereitungen fehl. Daraufhin verstärkte Savoyen die Bewachung der Pässe. Die Regierung von Bern wiederum wollte künftig keine militärischen Vorbereitungen auf ihrem Gebiet mehr dulden.

Wilhelm III. und die niederländischen Generalstaaten hatten schon in den Jahren 1670 und 1680 die Hugenottenflüchtlinge aus Frankreich aufgenommen. Nach 1685 kamen noch einige Zehntausende dazu. Viele dieser Hugenotten waren bereit, ihr eigenes Leben für die antifranzösische Koalition einzusetzen. Es war nun das Vorhaben Wilhelms III., eine neue Front gegen Frankreich an dessen Südostflanke, die von Viktor Amadeus II. geschützt wurde, zu eröffnen. Die Rückkehr der Waldenser in ihre Täler, unterstützt von südfranzösischen Hugenotten, konnte eine zweifache Bedeutung haben: zunächst konnte die militärische Anwesenheit der Waldenser in ihren Tälern als Druckmittel auf Viktor Amadeus II., der zögerte sich der anti-französischen Koalition anzuschließen, angewandt werden. Dann erwartete man, dass, wenn wieder Protestanten in den Kottischen Alpen leben würden, sich die zahlreichen zwangskatholisierten Hugenotten in Südfrankreich auflehnen würden.

Darum wurde Gabriel de Convenant, ein aus Grange in Frankreich gebürtiger Hugenotte, im Jahre 1688 als Sonderbeauftragter der Niederlande in die Schweiz gesandt. Dort bereitete er, in enger Zusammenarbeit mit Führern der Waldenser wie Henri Arnaud und Josué Janavel, mit Hugenotten wie Jacques Cabrol und mit dem Schweizer Jean Jacques Bourgeois aus Neuchâtel, eine militärische Expedition vor. Mit niederländischem Geld wurden Waffen gekauft und andere Vorbereitungen getroffen. In seinem Exil in Genf schrieb Josué Janavel die „Instruktionen“, taktische Ratschlage für den Rückmarsch und für den Kampf in den Tälern selbst. All das ging in strikter Geheimhaltung vor sich. Die Autoritäten der protestantischen Schweiz, vor allem die von Bern, haben wohl das Unternehmen geahnt, stellten sich jedoch arglos und wiederholten pflichtschuldig, dass alle Waldenser die Schweiz verlassen sollten.

Inzwischen nahm das Projekt der „Rückkehr“ Gestalt an. Das Adjektiv „glorreich“ wurde erst von Henri Arnaud in absichtlicher Anlehnung an die englische „Glorreiche Revolution“ hinzugefügt. Im August des Jahres 1689 suchten sich Waldenser und Hugenotten, in kleinen Gruppen, einen Weg an das Nordufer des Genfer Sees. Die Umstände waren, wie die Waldenser von ihren Spitzeln hörten, jetzt günstiger als je zuvor. Zahlreiche französische Truppen wa­ren aus Piemont und aus dem Dauphiné nach Flandern abgezogen worden, wo sich die Hauptfront des Krieges mit der antifranzösischen Koalition befand. Der Herzog von Savoyen hatte einen Teil seiner Truppen Frankreich zur Verfügung stellen müssen; ein anderer Teil war von den Alpenpässen nach Mondovi überbracht worden, um eine dort auflodernde Rebellion zu unterdrücken.

Die Organisatoren hatten den 16. August als Anfangsdatum vereinbart. Im Laufe dieses Tages sammelten sich immer mehr Waldenser und Hugenotten bewaffnet am Treffpunkt, dem Eichenwald von Prangins, am Strand von Promenthoux, wo sie sich einschiffen wollten. Dieser Ort war be-stimmt worden, weil hier der Genfer See nur vier Kilometer breit ist und von hier aus eine schnelle Überfahrt möglich war. Zunächst versteckten sich die Ankommenden, aus Angst, vorzeitig entdeckt zu werden, im Wald. Aber schon am Mittag des 16. August hatten die örtlichen Berner Behörden von dem Vorhaben Wind bekommen. Prangins gehörte damals wie das ganze Waadtland zu Bern, dessen Autorität hier von dem Landvogt von Nyon wahrgenommen wurde. Der Landvogt war auch der Militärkommandant seines Amtbezirks. Die Waldenser befürchteten nicht so sehr dessen Gegen-maßnahmen, sondern vielmehr die von Seiten der savoyischen Autoritäten am Südufer des Genfer Sees. Diese Befürchtungen waren nicht unbegründet. Isaac-Genève de Balthazar, der Baron von Prangins, warnte schon am Abend des 16. August den französischen Gesandten in Genf, den Seigneur d'Iberville, und dieser schlug sofort beim Militärkommandanten am Südufer des Genfer Sees Alarm. Dieser Kommandant, Jacques d'Alinges, Marquis de Coudré, befehligte die Truppen des Chablais, die nördlichste Provinz von Savoyen, er reagierte jedoch abwartend. All zu oft war er schon vor einer bevorstehenden Invasion der „Luzernois“ (wie die Waldenser nach Luserna, dem Hauptort im Pellicetal, genannt wurden) gewarnt worden und immer hatte sich das als Fehlalarm erwiesen. Die Waldenser reagierten so schnell auf ihre Entdeckung, dass - wie der Seigneur d‘Iberville spöttisch schrieb - wenig gefehlt hätte, und sie hätten den Marquis de Coudré in seinem Bett überrascht.

So fingen die Waldenser schon am Abend des l6. August, einen Tag früher als geplant und nachdem Henry Arnaud um Gottes Hilfe für das Unternehmen gebetet hatte, an, mit gemieteten und beschlagnahmten Booten den Genfer See zu überqueren. In drei Schüben wurden ungefähr 950 Mann ans Südufer gebracht. Für einen vierten Schub war es jedoch schon zu spät geworden. Der Morgen dämmerte schon, als die letzten Boote anlegten. Manche fanden kein Boot mehr und blieben am Nordufer zurück. Andere, die nicht mit einer so eiligen Überfahrt gerechnet hatten, kamen zu spät, wie zum Beispiel Jean Jacques Bourgeois, der als allgemeiner Kom­mandant vorgesehen war. Aus den Nachzüglern bildete Bourgeois ei­ne Truppe, die ungefähr drei Wochen später unter seiner Leitung versuchte, von einem anderen Ausgangspunkt aus, zurückzukehren. Dieser Versuch missglückte total und kostete Bourgeois schließlich das Leben; nach dem schmählichen Rückzug wurde er verhaftet und von der Berner Regierung in Nyon hingerichtet.

Die Entscheidung der Waldenser, nach ihrer Entdeckung so schnell wie möglich abzufahren, scheint richtig gewesen zu sein. Die savoyischen Autoritäten wurden überrumpelt und die Waldenser konnten so ihren zeitlichen Vorsprung dank langer Tagesmärsche voll ausbeuten. Die Schnelligkeit der Waldenser war einer der Hauptfaktoren für das Gelingen der Rückkehr.

 

 

Albert de Lange,  der "Glorreichen Rückkehr", 1989